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Facebook als Ersatz für selbständiges Denken?

Sascha Dinse, Sozialvernetzer und freiberuflicher Dozent für MedienkompetenzIch gucke ja sehr gern so Science-fiction-Zeug. Unter anderem auch „The Outer Limits“ aus den 90ern. Da gibt es eine Episode („Der Strom“), in der die gesamte Menschheit an ein weltumspannendes Datennetz angeschlossen ist und binnen eines Wimpernschlags jede nur erdenkliche Information direkt ins Hirn übertragen bekommt. Lesen, Rechnen, Dinge lernen – alles unnötig, ebenso selbständiges Denken. Der Strom versorgt jeden mit allem. Naja, solange, bis der Strom irgendwann zusammenbricht und die Menschheit auch einfachste Dinge quasi von Null auf wieder erlernen muss.

Was hat das mit Facebook zu tun?

Soziale Netzwerke, allen voran Facebook, ermöglichen es theoretisch allen Menschen, sich in Windeseile untereinander auszutauschen, Wissen weiterzugeben – eben zu kommunizieren. Soweit, so gut.

Immer öfter stelle ich aber in letzter Zeit fest, dass Mensch*innen offenbar die Aufgabe des jedem innewohnenden Gehirns mehr oder minder vollständig an Facebook abgeben. Selbst grundlegende Informationen sind nicht im Kopf des Einzelnen gespeichert, sondern werden in den (Un)tiefen von Facebook vermutet. Oft wird auch der überstrapazierte Begriff von der „Schwarmintelligenz“ bemüht. Unsinn, zweifelsohne, denn so etwas wie „die Intelligenz der Masse“ gibt es nicht in der „Masse“, sondern nur in „Teilmassen“. Das soll hier aber nicht Thema sein.

Vielleicht ist es Faulheit, die so manchen dazu verleitet, statt selbst zu recherchieren, lieber Facebook zu befragen. Hier ein Beispiel, bei dem sich jedem, der sich auch nur ansatzweise mit Internet & Co. beschäftigt, die Fußnägel hochrollen müssten. Besonders delikat: Dieser Post wurde nicht in irgendeiner Gruppe veröffentlicht, sondern in einer für Administrator*innen von Facebook-Fanpages … und die sollten (nein! MÜSSEN) so etwas wissen.

Screenshot eines Beitrags aus einer Facebook-Gruppe

Screenshot aus einer Gruppe bei Facebook. Verpixelung von mir.

Nein, das ist natürlich absolut nicht in Ordnung. Urheberrechtsverletzung. Das ist elementares Grundwissen. Jemand, der eine Fanpage bei Facebook betreibt, muss das wissen. Punkt.

Bitte  nicht falsch verstehen: Ich finde das Austauschen zu technischen Fragen und dergleichen auf Facebook sinnvoll und gut, mehr als einmal habe auch ich dort Antworten auf Fragen erhalten. Doch selbständiges Denken und jeden Ansatz einer selbständigen Recherche gleich mal komplett sein zu lassen und stattdessen eine Frage in den von jeder Menge gefährlichem Halbwissen durchsetzten Facebook-Raum zu werfen … kann das eine gute Strategie sein? Letztlich verlässt sich jeder, der so vorgeht, auf die Illusion (und nichts anderes ist es oftmals), dass ja „irgendwer da draußen die richtige Antwort wissen muss“. Nun ja, das mag bei Dingen stimmen, die sich einfach mit ja oder nein beantworten lassen, siehe Beispiel oben. Obwohl ich mehr Worte für eine Antwort bräuchte, so in die Richtung: „Du bist Admin einer Fanpage und stellst so eine Frage? Um Gottes Willen, nein, das ist nicht in Ordnung!“ Aber gut, lassen wir das. Bei komplexeren Fragestellungen, vielleicht sogar bei welchen, auf die es gar keine „richtige“ Antwort gibt, sondern nur eine Vielzahl von Möglichkeiten, muss dieses System versagen. Welche Antwort nehme ich denn? Die erste? Die lustigste? Die von dem netten Mädel? Was hätte der Mensch oben gemacht, wenn ihm sofort danach drei andere geantwortet hätten, dass das gar kein Problem wäre und er das Video ruhig kopieren und wieder hochladen dürfte?

Und dann gibt es ja noch so ganz spezielle Seuchen auf Facebook. Kettenbriefe, Hoaxes (absichtliche Falschmeldungen), versuchte Betrügereien, Trojaner und so weiter. Seiten wie „Zuerst denken – dann klicken!“ (immer ein guter Tipp, übrigens), die Internetnutzer über Abzocke, gefährliche Programme und derartiges aufklären, müssen jedes Mal auf’s Neue gebetsmühlenartig wiederholen, dass es kein Programm gibt, welches mir anzeigt, wer mein Facebook-Profil angesehen hat, dass Versprechungen in diversen Werbeanzeigen zu Abofallen führen, dass das Super-Duper-Exklusivvideo von Wemauchimmer nur einen Trojaner enthält, aber ganz sicher kein Video und so weiter …

ScreeScreenshot eines Beitrags von der Facebook-Seite "Zuerst denken - dann klicken!"

Screenshot eines Beitrags von der Facebook-Seite „Zuerst denken – dann klicken!“

Die Arbeit, die Seiten wie obige machen ist dabei gut und richtig, aber sollte sich nicht irgendwann rumgesprochen haben, dass einem niemand etwas schenkt, dass man Mails von Amazon, ebay oder Paypal nicht trauen sollte, wenn man darin seine persönlichen Daten preisgeben soll? Müsste sich solches Wissen nicht fortpflanzen? Offenbar nicht. Vielmehr scheint es, als würden solche Informationen einfach verpuffen, nachdem sie aufgenommen wurden. Das erinnert mich an einen Artikel, den ich mal gelesen habe. Darin ging es darum, dass Menschenaffen es nur deswegen nicht zur Entwicklung einer Zivilisation wie der menschlichen gebracht haben, weil sie erworbenes Wissen nicht an ihre Nachkommen über Schrift oder andere Dokumentation weitergeben konnten.

Und damit sind wie fast wieder bei „Der Strom“ angelangt. Statt sich Wissen anzueignen, wird einfach eine Frage in den Raum geworfen und auf Antwort gewartet. Hat man dann die Antwort, nimmt man sie mit, behält sie und vergisst sie irgendwann. Sie wird nicht irgendwo archiviert, sondern muss regelmäßig aufgefrischt werden. So läuft das jedenfalls mit den „Profilbesucher“-Hoaxes auf Facebook. Jedes. Jahr. Wieder.

Sicher, das ist zugespitzt und klingt vielleicht drastischer, als ich es eigentlich meine. Aber ist es denn zuviel verlangt von den Menschen, dass sie auch selbst Verantwortung für ihr Handeln und ihre Entscheidungen übernehmen, statt alles an andere abzugeben? Und kann man nicht erwarten (verlangen?), dass vermitteltes Wissen auch irgendwo hängenbleibt? Dass der Trend zum selbständigen Denken nicht als Anachronismus längst vergangener Zeiten angesehen wird? Dass wir nicht in einer düsteren Zukunftsvision als vollständig von Datennetzen abhängige Karikaturen von Menschen enden?

Hach, man wird doch noch träumen dürfen.

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