Inklusion im Netz – ein langer Weg

Der Paritätische Landesverband Berlin ruft erneut zu einer Blogparade auf, diesmal zum Thema Inklusion und ich bin auch wieder mit am Start. Auf den letzten Drücker zwar, aber hey, immerhin. Wenig überraschend werde ich im folgenden Artikel den Fokus auf Online-Komunikation legen, und dabei versuchen, meine Haltung zum Thema „Inklusion“ deutlich zu machen.

Als Dozent für Medienkompetenz versuche ich, die Kommunikation in und mittels Diensten wie facebook, Twitter, instagram nicht nur zu erklären, sondern auch deren Vor- und Nachteile objektiv abzuwägen. Kernpunkt dabei ist für mich meist, dass erst eine gut ausgebaute Vernetzung zwischen Einrichtungen, Verbänden, Vereinen und letztlich allen Menschen die Grundlage dafür schafft, tatsächlich gemeinsam zu kommunizieren, zu arbeiten und zu leben. Zu diesen Themenbereichnen finden sich hier auf dem Blog jede Menge Artikel.

Wichtiger jedoch ist die Schaffung eines Bewusstsein für die Bedeutung von Inklusion, auch im Netz. Darum soll es im Folgenden gehen.

Inklusion setzt Bewusstsein voraus
Was meine ich damit? Menschen begreiflich zu machen, dass es sinnvoll und richtig ist, alle anderen in bestimmte Strukturen mit einzubeziehen, statt sie aufgrund irgendwelcher Andersartigkeiten auszugrenzen oder für weniger relevant zu halten, setzt ein grundlegendes Bewusstsein voraus. Dieses entsteht nicht als „creatio ex nihilo“, sondern muss aktiv geweckt und gefördert werden. Im Kontext des Internets beginnt das beim möglichst barrierefreien Aufbau von Websites, bei der Verwendung von Leichter Sprache, bestimmten Webstandards etc. – das Integrieren solcher Funktionalitäten ist teils aufwändig, verursacht Kosten und wird daher oft nur dort vorgenommen, wo es gesetzlich vorgeschrieben ist. Oft wird die Frage gestellt, ob es sich denn lohnen würde, die Website einer Firma barrierearm zu gestalten – diese Frage lässt sich je nach Sichtweise anders beantworten. Aus meiner Sicht ist die Antwort aber klar: Ja, es lohnt sich, sage ich, denn damit zeigt nicht nur die Firma, dass sie alle Menschen erreichen möchte, dass sie sich dessen bewusst ist, dass manche Besucher einer Website auf gute Alternativtexte zu Bildern, auf eine Navigation ohne Maus, auf guten Kontrast, veränderbare Schriftgrößen und die Unterstützung von Screenreadern angewiesen sind. Im Sinne der Gleichbehandlung aller Menschen empfinde ich es als diskriminierend, wenn ein blinder Mensch die Stellenausschreibung auf der Website einer Firma nicht aufrufen kann, weil schlicht nicht daran gedacht wurde, die Seite für z.B. Screenreader zu optimieren. In der Stellenbeschreibung selbst darf niemand wegen z.B. einer Behinderung diskriminiert werden, auf dem Weg dorthin aber schon? Leuchtet mir nicht ein. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit barrierearmer (ich verwende übrigens bewusst nicht den Begriff „barrierefrei“) Websites muss aus meiner Sicht weiter verbreitet werden, nicht zuletzt, um nicht eine Zielgruppe potentieller Bewerber oder Kunden auszugrenzen.

Inklusion ist Toleranz und Akzeptanz
Neben der Ignoranz gegenüber technischen Maßnahmen zur Minderung der Zugangsbarrieren schockiert mich immer wieder, wie sehr sich Begriffe wie „behindert“ oder „Spasti“ im Sprachgebrauch nicht-behinderter Menschen als Schimpfworte etabliert haben. In Sozialen Netzwerken wie facebook, aber auch in den Kommentarspalten großer Websites herrscht ein rauer, bisweilen menschenverachtender Ton. Websites wie leidmedien.de versuchen, auf derartige Phänomene aufmerksam zu machen, werben für Toleranz und Akzeptanz – doch aus meiner Sicht stehen sie allein auf weiter Flur und erreichen bei weitem zu wenige Menschen. Natürlich ist es schön, wenn gesetzlich verboten wird, dass behinderte Menschen aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert werden, doch gleichzeitig erreicht diese Botschaft das öffentliche Bewusstsein nur selten. Schönes Beispiel: die Themenwoche der ARD zum Thema Toleranz, zu der man durchaus eine kritische Haltung haben durfte, nein, musste. Ich habe mich u.a. bei facebook dazu geäußert, dass die Frage „Normal – oder nicht normal?“ sich bei einem abgebildeten homosexuellen Pärchen nicht stellt. Natürlich normal, aus soziologischer Sicht definitiv. Die Frage ist falsch gestellt. „Akzeptiert – oder nicht akzeptiert?“ hätte sie lauten müssen. Hier wird das Thema Toleranz halbherzig behandelt, es wird an den wichtigen Fragen einfach vorbeidiskutiert.

Besonders Soziale Netzwerke bieten großartige Möglichkeiten, sich untereinander auszutauschen, Erfahrungen zu sammeln, verschiedene Fachbereiche zu kombinieren, interdisziplinär zu forschen etc. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller, direkt die betroffenen Zielgruppen anzusprechen, sie zu bitten, Fragestellungen zu formulieren, die wirklich relevant sind. Ob es den Ausbau von U-Bahnhöfen in Berlin ist (ein immer noch großer Anteil ist alles andere als barrierefrei) oder Berichterstattung mit Schlagzeilen wie „… an den Rollstuhl gefesselt“ angeht, es ist noch viel zu tun. Inklusion hört ja nicht da auf, wo ein Fahrstuhl gebaut wird, damit endlich auch Rollstuhlfahrer*innen ein Amtsgebäude betreten können. Dort beginnt sie vielmehr. Unser Sprachgebrauch, unsere Wahrnehmung müssen sich kontinuierlich daran orientieren, dass alle Menschen gleich viel wert sind, aber nicht unbedingt „gleich“, was ihre Möglichkeiten oder Anforderungen angeht.

Was ist also zu tun?
Ich bin der Meinung, dass jeder mit kleinen eigenen Taten und Schritten mithelfen kann, für mehr Inklusion zu sorgen. Sei es in Gesprächen mit anderen, wo man versucht, deren Weltbild um einige Facetten zu erweitern, sei es im Gespräch mit Kunden, die man davon überzeugt, eine Website barrierearm zu bauen, auch wenn das ein wenig mehr kostet, sei es mit Artikeln auf Blogs, sei es durch das Teilen von Inhalten in Sozialen Netzwerken.

Ich versuche all das umzusetzen. In meinen Lehrveranstaltungen, wie unlängst zu CMS-Lösungen wie TYPO3 oder WordPress, gehe ich ganz selbstverständlich auch darauf ein, welche Vor- und Nachteile diese System z.B. für Menschen mit schlechterem Sehvermögen oder z.B. Rot-Grün-Blindheit haben (ja, Backend von TYPO3, ich spreche von dir). Die Entscheidung für bestimmte technische Lösungen, für oder gegen den Einsatz bestimmter Sozialer Netzwerke für die Kommunikation, versuche ich immer auch im Hinblick auf Barrierearmut und dergleichen zu erläutern. Doch um damit nicht auf taube Ohren zu stoßen, muss Bewusstsein für die Bedeutung von Inklusion, von Teilhabemöglichkeiten für allen Menschen geschaffen werden.

Und damit schließt sich der Kreis, wir stehen wieder am Anfang. Inklusion auch im Netz nicht zu einer Ausnahme, sondern zum Standard zu machen, ist ein Prozess, der sich lange hinziehen wird. Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, diesen mühsamen Weg zu gehen.

Weitere Artikel im Rahmen der Blogparade finden sich u.a. hier:

www.zollondz-kommunikation.de

http://inklusionsfakten.de/

http://mampel.wordpress.com/

http://blog.inklusive-entwicklung.de/

https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege.html

http://www.einmischen.com/

1 Kommentare

  1. Pingback: Inklusion: Essentieller Grundsatz der Kommunikationsstrategie

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