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„Spezialdienste“ oder: Manche sind gleicher

Modernes Raubrittertum?

Sascha Dinse, Sozialvernetzer und freiberuflicher Dozent für MedienkompetenzManchmal bewundere ich ja die Wahrnehmung und Denkweise von Wirtschaftsbossen und Politikern. Und dann ist es auch gleich wieder vorbei. Da geschieht irgendetwas, bei dem normale Menschen (zu denen ich mich hier mal zähle) die Hände über dem Kopf zusammenschlagen müssten, bei dem alle, die nicht nur an Gewinnmaximierung oder politische Macht denken, graue Haare bekommen müssten … doch der Kapitalist denkt sich: „Endlich, endlich kann ich die Menschen für etwas zahlen lassen, was sie vorher umsonst bekamen!“. Und lacht schallend, Dr. Evil lässt grüßen.

So wurde gerade vor einigen Tagen auf EU-Ebene die Netzneutralität beschlossen. Yay! Wenn das kein Grund zur Freude ist. Naja, schaut man dann mal genauer hin, stellt man fest, dass Netzneutralität eigentlich genau NICHT beschlossen wurde, denn es gibt mit den „Spezialdiensten“ ein Schlupfloch, das groß genug ist, dass sich Telekom-Chef Höttges darin aufrecht hinstellen kann. „Spezialdienste“, so nennt die Telekom fortan alles, wofür sie Kunden gesondert zu Kasse bitten möchte. Auch wenn das in der offiziellen Darstellung anders klingt. Aber hübsch der Reihe nach.

Was ist überhaupt diese „Netzneutralität“?

Grundlegend beschreibt Netzneutralität den Zustand, dass Daten, die im Internet fließen, nicht bevorzugt oder behindert werden dürfen. Netzprovider wie die Telekom dürfen bei geltender Netzneutralität also auch Webseiten der Konkurrenz nicht an der Auslieferung ihrer Daten an den Besucher hindern. Gleichzeitig dürfen bestimmte Angebote auch nicht bevorzugt werden, in dem Sinne, dass alle anderen Daten warten müssen, bis bestimmte Inhalte übertragen wurden. Ein neutrales Netz ist die Grundlage demokratischer Austauschprozesse. Eine Einschränkung oder Aushöhlung der Netzneutralität, wie sie jetzt auf EU-Ebene beschlossen wurde, öffnet hingegen Abzockerei, Zensur und Erpressung Tür und Tor.

Schöne, neue Spezialdienste-Welt

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie kaufen ein Auto, bezahlen dieses in bar, tanken es voll und wollen losfahren. Auf der Autobahn möchten Sie gern die Geschwindigkeit auf mehr als 100 Stundenkilometer erhöhen. Doch das Auto weigert sich. Dafür klingelt in diesem Augenblick ihr Telefon, der freundliche Autohändler ist dran und bittet Sie um eine Überweisung von 20 Euro, damit Sie die nächste Stunde 130 Stundenkilometer schnell fahren können. Klingt absurd? Genau das hat die Telekom vor und macht noch nicht mal einen Hehl daraus.

Warum braucht es diese Spezialdienste im Netz? Das Internet ist vielfältig und bringt Dienste hervor, an die bis vor kurzem noch niemand gedacht hat. Das fängt bei Videokonferenzen und Online-Gaming an und geht über Telemedizin, die automatisierte Verkehrssteuerung und selbststeuernde Autos bis zu vernetzten Produktionsprozessen der Industrie. (Timotheus Höttges, Telekom-Chef)

Stimmt, Videokonferenzen und Gaming sind ja heute absolute Nischendienste, die niemand nutzt. Oh, wait … Übersetzt bedeutet das Folgendes: Die Telekom will uns zukünftig für Dinge zahlen lassen, die wir heute als normale Bestandteile unserer Tarife erhalten. Wäre doch schade, wenn meine Online-Verbindung zu Blizzards BattleNet zukünftig nicht mehr sooooo stabil wäre und ich deswegen bei „Heroes of the Storm“ ständig sterbe. Ist ja nicht so, dass das heute der Fall wäre. Aber man weiß ja nie, was die Zukunft bringt … Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die vielzitierte Telemedizin, automatisierte Verkehrssteuerung (die hoffentlich nicht über das öffentliche (und damit angreifbare!) Internet funktionieren würde) und selbstfahrende Autos (die noch nicht mal eine ständig aktive Verbindung benötigen) sind die üblichen Ausflüchte, um nicht zugeben zu müssen, dass hier simple Erpressung stattfinden wird.

Es wird noch absurder besser:

Gegner von Spezialdiensten behaupten, kleine Anbieter könnten sich diese nicht leisten. Das Gegenteil ist richtig: Gerade Start-Ups brauchen Spezialdienste, um mit den großen Internetanbietern überhaupt mithalten zu können. Google und Co. können sich weltweite Serverparks leisten, damit die Inhalte näher zu den Kunden bringen und die Qualität ihrer Dienste so verbessern. (Quelle: obiges Zitat)

Achso, Start-Ups haben jetzt also generell Probleme, sich mit ihren Daten im Netz zu platzieren? Das erscheint gelinde gesagt vage. Wenn es nämlich ein neutrales Netz gibt, werden alle Daten gleichrangig behandelt. Inhalte von Google oder Facebook kommen also gerade NICHT „schneller“ beim Endkunden an, als die Daten von kleinen Firmen. Das genau ist ja der Sinn der Netzneutralität. Die „Serverparks“ von Google sind *nicht* für die Auslieferung der Daten an die Endkunden, sondern lediglich für die Verwaltung gigantischer Datenbanken zuständig. Entweder hat Herr Höttges davon kaum Ahnung, oder er bringt sehr, sehr fadenscheinige Argumente vor.

Warum Netzneutralität?

Es ist in unser aller Interesse (Wenn ich hier rein wirtschaftlich Orientierten mal ausklammere, wobei auch diese betroffen sind, wenngleich sie es nicht begreifen können.), dass unser Netz neutral bleibt. Was könnte geschehen, wenn das nicht mehr der Fall wäre? Nun, neben den offensichtlichen Erpressungsversuchen („Sie möchten doch, dass Ihre Kunden Ihre Angebote auch in guter Qualität abrufen können, oder? Dann zahlen Sie mal einen kleinen Aufpreis!“) bietet eine Aufweichung der Netzneutralität auch Möglichkeiten für Zensur. Unliebsame Blogs liefern plötzlich ihre regierungskritischen Inhalte nur noch tröpfchenweise aus? Huch, wie konnte denn das passieren? Kurzum: es würde die gesamte digitale Welt ins Wanken geraten, wenn es plötzlich vom Wohlwollen der Netzbetreiber abhinge, ob bestimmte Inhalte schneller als andere befördert werden. Wer nicht zahlt, müsste warten, bis er an der Reihe ist. Das Netz würde ebenso zu einer Dauerauktion, wie es Online-Werbung schon heute ist. Statt CPM (Cost per Mille, quasi der „Tausender-Kontakt-Preis“) für Werbung, würde man dann für die Auslieferung der eigenen Daten bezahlen?

Nein, danke. Ohne mich.

Was können wir tun? Nun, eine Regierung wählen, die wirklich im Interesse ihrer Bürger*innen, und nicht nur auf Einflüsterung von Industrielobbyisten handelt, das wäre ein Anfang. Ja, ich weiß, dass das quasi unmöglich ist, aber man wird ja noch träumen dürfen.

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